Kann Bildung schaden?

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Amokläufe und Schülerselbstmorde – kann man sie verhindern? Gefährdete Schüler – verzweifelte Schüler. Welche Gewalt wollen wir ächten? Kommunikative Kompetenz. Was tun? Sorgentelefon.

1. Die Lebenswirklichkeit der Kinder heute

Es geht uns gut. Bewegungsmangel. Mobilität. Gesundheit. Familie. Unterhaltung. Leben aus zweiter Hand. Verantwortung. Waldkindergärten.

2. Resilienz

Forschung. Desinteresse der Öffentlichkeit. Schutzfaktoren. Nachteilige erste Lebenserfahrungen. Sprachliche und kommunikative Kompetenz. Zufluchtsort. Selbstbewusstsein. Rollennormen. Entscheidungsfähigkeit. die Kosten. Was kann man tun?. Was kann man noch tun? Schüler dürfen Sinnvolles leisten.

3. Werte

Schule und Lüge. Der Wertewandel. Lösung des Dilemmas. Chancengleichheit. Fürs Hotel lernen

4. Die Macht der Schule

Was versteht man unter Erziehung? Nachahmung – Vorbild. Autorität. Gewöhnung – Gewohnheit. Zwang. Manipulation. Einsicht. Familie. Welche Macht hat Schule? Straßenkinder. Erlernte Hilflosigkeit.

5. Kommunikative Kompetenz

Gaffer. Zunehmende Kälte. Definition. Elternpflicht. Video-Home-Training. Schule als Reparaturbetrieb?

6. Die Lehrer

Die Überlastung der Lehrer. Die Isolation der Lehrer. Lehrer sind öffentliche Menschen. Resignation. Wen zieht das Lehrerstudium an? Ausbildung. Sprechen. Was müsste man ändern? Ehrlichkeit über die Aufgaben der Schule. Der Lehrer als Mensch. Vorschriften reduzieren. Zwei Lehrer pro Klasse. Bessere Ausbildung und früherer Beginn. Dummheit ist lernbar

7. Logik und anderes

Die beiden Gehirnhälften. Problemlösung. Nutzen und Grenzen der Logik. Sprache. Latein. Logische Irrwege der Sprache. Der Bildungsüberfluss. Erziehung. Kommunikation. Assoziatives Denken. Gerechtigkeit. Zeichnen. Musik. Musikunterricht. Variationen des Musikunterrichtes.

8. Sport

Die Gesundheit. Trennung von Körper und Geist. Unsportlichkeit. Bequemlichkeit. Geistige Entwicklung. Sport fördert die Hirntätigkeit. Sport fördert Konzentration und Gedächtnis. Sport und Aggression. Sport fördert die Eigenverantwortung. Sport hebt die Stimmung. Drogenprävention. Mehr Schulsport. Anderer Schulsport. Schule als Kooperative

9. Kreativität

Definition. Einteilung der Kreativität. Selbstfindung. Die geniale Kreativität. Der spezielle Einfall. Fleming. Neugier. Mut. Die geniale Kreativität des Dr. Semmelweis. Kneipp. Die Vorzüge der Kreativität. Die kreative Stimmung. Besessenheit. Begeisterung. Improvisation. die Alltagskreativität. Kreativität als Lernmotivation. Unterricht in Kreativität. Brainstorming. Prölls Kreativitätstraining. Die Architektur in der evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck

10. Disziplin

Was ist Disziplin? Wo ist Disziplin? Disziplin im Spiel. Konzentration. Schreiben lernen. Ordnung. Disziplin in der Schule. Variationen der Lerndisziplin. Überdiszipliniert. Disziplin und Freude. Disziplin im Sprachunterricht. Freiheit beim Lernen.

11. Gefühle

Gefühle informieren. Politikverständnis. Umgang mit Gefühlen. Angst. Ärger. Eltern ärgern sich. Kinder Ärgern sich. Hass. Beliebtheit. Freude. Freude an der Arbeit Schüleraufsätze.

12. Aggression

Die Zunahme der Gewalt. Wissenschaft von den Gewaltursachen. Zwang. Bewegungsmangel. Einsamkeit. Langeweile. Schweigen und Angst. Geschädigtes Selbstbewusstsein. Attraktivitätstraining. Unterforderung. Abhilfe. Gewaltprävention

13. Helfen

Die spanische Hilfsbereitschaft. Man hilft gerne. Lena hackt Holz. Früh übt sich. Schüleraustausch. Fremde im eigenen Land. Falsche Hilfe. Nachbereiten. Waldkindergarten gegen Aggression.

14. Die Fragwürdigkeit der Zensurengebung

Geschichte der Zensuren. Zensuren als Motivation. Zensuren können entmutigen. Einflüsse auf Zensuren. Kreative Fächer. Betrug. Gerechtigkeit. Statistik. Das Abitur. Zensuren aufgeben? Unerwartetes wird besser erinnert.

15. Lehrinhalte

Wissen was ich kann. Zentrale Steuerung. Die Strategien. Hausarbeit. Schrottverwertung. Wurst. Hausbau. Kosmetik. Gesundheitslehre. Schülerfragen.

16. Studium

Das Medizinstudium. Gesichertes Wissen. Verbildung des Denkens. Andere Studiengänge.


Nur Schule kann helfen

Unsere Gemeinschaft, der Staat, oder wie man es nennen will, lässt benachteiligte Kinder konsequent alleine in dem Elend, in dem sie leben (es sei denn die medizinische Wissenschaft bescheinigt dem Kind Behandlungsbedürftigkeit). Ja, manche Kinder müssen unter wirklich furchtbaren Verhältnissen leben. Und jeder hält sie dazu an, nicht über ihre Verzweiflung und die Vorkommnisse in der Familie zu sprechen. Die Familie will nicht zugeben, dass etwas nicht in Ordnung ist, und Schule hält sich heraus. Das Ansehen der Eltern zählt mehr als das Wohl des Kindes. Die Würde des Kindes, Achtung vor seiner Persönlichkeit, das sind leere Worthüllen (außer wenn es um sexuellen Missbrauch geht, denn über Sex reden alle gerne).


Sogar die Schule fügt manchen Kindern schwersten seelischen Schaden zu. Das wurde zweifelsfrei nachgewiesen für hochbegabte Kinder, die bei normaler Beschulung oft schlimme Verhaltensstörungen entwickeln und sogar in der Sonderschule landen können. Aber auch andere Kinder, die in Ihrer Veranlagung und Begabung stark von der Norm abweichen, halten das Schulsystem nicht aus, werden schwer geschädigt. Zum Beispiel wenn sie früh eingeschult werden (Charlotte Zillman hat das untersucht) oder wenn sie weniger deutlich erkennbar über- oder unterfordert werden. Die Würde des Kindes ist von nachgeordneter Bedeutung, was zählt, ist das vorgeschriebene Lernprogramm.


In dieser Hinsicht wirkt sich sehr nachteilig aus, dass Schule das Leben und Denken der Kinder so weitgehend bestimmt, wie sie es heute tut. Was Schule nicht lehrt, lernen die meisten Kinder nicht, denn sie können weder Zeit noch Kraft erübrigen für wesentliche außerschulische geistige Leistungen und niemand sagt ihnen, dass es außer dem logisch-wissenschaftlichen Denken noch anderes Wichtiges gibt.


Man sollte Kinder und Schülerinnen und Schüler, auch ältere, lieber mit ihrem mathematischen Unwissen allein lassen als mit der tiefen Verzweiflung an sich und der Welt, denn die kann auf ihr ganzes weiteres Leben einen wesentlich negativeren Einfluss haben als irgendein Mangel auf dem Gebiet der Mathematik.


Es gibt keinen einzigen vernünftigen Grund, warum man mit einem achtjährigen Kind nicht über Erziehungsprobleme sprechen sollte, in einem ganz normalen Unterricht in der Gruppe der Klasse. Genauso wie man in der Kindheit daran gewöhnt wird, über wissenschaftliche Themen zu sprechen, muss man auch daran gewöhnt werden, über menschliche Themen zu sprechen.


Misshandelte und missbrauchte Kinder können in ihrem späteren Leben nur schwer Liebe und Vertrauen entwickeln; sie sind oft depressiv, jahrelang in psychiatrischer Behandlung oder begehen Selbstmord. Ein wesentlicher Grund für diese schweren psychischen Störungen liegt darin, dass die Kinder glauben, das, was mit ihnen geschieht, sei in Ordnung, sie selbst seien das unglückbringende Wesen. Sie können mit niemandem darüber sprechen und ihre Meinung berichtigen. Das Märchen vom bösen Wolf reicht nicht aus, um ihre falsche Meinung zu korrigieren. Die betroffenen Kinder und auch die anderen sollten sich gültiges und verbindliches Wissen aneignen dürfen über diesen Themenkreis und zwar in der Institution, die für Wissensvermittlung zuständig ist, in einem Alter, in dem diese Probleme vorkommen, also mit acht bis neun Jahren und später wieder, wenn sie die Dinge von einem reiferen Standpunkt aus betrachten.


Selbstmord

An Selbstmord sterben fast so viele Kinder und Jugendliche wie an Verkehrsunfällen. Und welches Übermaß an Verzweiflung geht einem Selbstmord voraus! Unzählbare bringen sich nur beinahe um oder denken nur sehr oft daran, ohne den Gedanken in die Tat umzusetzen! Die Selbstmordrate ist nur die Spitze des Eisbergs. Etwa 30 000 Kinder leben in Deutschland auf der Straße, 60 000 in Heimen, das Elend der Drogensucht ist unermesslich. Sogar normal zu Hause lebenden Kinder tragen oft ein schweres Los. Und sie alle - bis auf die Straßenkinder - gehen zur Schule. Dort wird ihnen ebenfalls nur wenig Schönes und geringe Anerkennung zuteil.


Auch Erwachsene begehen heute weitaus häufiger Selbstmord als in „schlechten“ Zeiten. Nicht, weil es ihnen nicht gut geht, sondern weil sie in ihrer Kindheit nicht gelernt haben, mit ihren Mitmenschen auszukommen und mit den Verhältnissen ihres Lebens sinnvoll umzugehen. Sie haben nicht gelernt, zufrieden zu sein. Sie haben Fakten gelernt und diese Fakten in logische Zusammenhänge zu stellen. Das Wichtigste - die Menschlichkeit - ist auf der Strecke geblieben.


Wir werfen den Dritte - Welt - Ländern vor, dass dort die Kinder arbeiten müssen. Aber geht es diesen Kindern wirklich schlechter als unseren? Selbstmord und Mord unter Kindern kommen dort jedenfalls seltener vor als bei uns. Wenn man die Zufriedenheit der Kinder an der Zahl ihrer Selbstmorde und extrem aggressiven Handlungen messen will - und ich meine, daran kann man Zufriedenheit messen - dann sind die Kinder dort glücklicher als hier bei uns in der Überflussgesellschaft.


Wir nehmen das hin. Wir kritisieren die Dritte Welt und tun so, als ob die Zustände bei uns unabänderlich wären, als ob man nur noch durch Strafe etwas regeln könnte. Durch Strafe wird aber kein Jugendlicher zufriedener oder lebenstüchtiger. Wir sollten uns etwas anderes überlegen. Immerhin kostet ein Heimplatz etwa 5000 DM pro Monat und an den Heimaufenthalt schließen sich oft Gefängnis oder Psychiatrie an, die noch teurer sind. Wir sollten versuchen wenigstens einen Teil der Heim- und Kriminellen - Karrieren zu verhindern und die Gelder sinnvoller einsetzen. Wir sollten auf jeden Fall alle darüber nachdenken, was da zu tun ist. Es kann doch kein Naturgesetz sein, dass in einer Überflussgesellschaft zahlreiche Kinder zugrunde gehen müssen.


Mutter Theresa regte an, auch in der Bundesrepublik ein Haus der „Schwestern der Barmherzigkeit“ zu eröffnen. Ihr Vorschlag rief allgemeine Verwunderung hervor, denn anders als in Indien müssen im wohlhabenden Deutschland die Kinder weder verhungern noch auf der Straße schlafen oder im Rinnstein sterben. Mutter Theresa antwortete: „Es ist nicht die leibliche Not, die bei Ihnen die Menschen umbringt, sondern das seelische Elend. Die Kinder, die in Kalkutta auf den Straßen schlafen, liegen an der Seite ihrer Mutter. Noch nach der letzten Schüssel Reis hungern sie; doch wenn sie sterben, sterben sie umhüllt von der Liebe ihrer Angehörigen. In ihrem Lande dagegen sind die Kinder traurig in ihrer Übersättigung, und sie sterben in Einsamkeit.“ (Nach Jutta Schütz: Ihr habt mein Weinen nicht gehört.)

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